3. Etappe - Crash-Day oder auch: Hölle...blos kalt
Wir wachen auf und unser erster Blick geht in Richtung Fenster. Julia opfert sich, macht die Gardinen auf und bekommt große Augen: Schnee! Die böse Vorahnung vom Abend zuvor hat sich also bestätigt. Knapp 200 hm über unserer Behausung ist die Schneefallgrenze zu sehen, darüber ist alles weiß. Auf unserer Höhe regnet es immernoch.
Was nun?
Wir überlegen uns, welche Möglichkeiten wir haben: Zurück in Tal kommt für uns nicht in Frage und würde auch keinen Sinn ergeben, da wir über irgendeinen Pass müssen, um weiterzukommen. Weiter hoch fahren und über den Pass war zu dem Zeitpunkt ebenfalls noch sinnfrei...bis wir an der Hütte ankommen, sind wir aufgrund des Regens durchnässt, frieren uns den Ars.. ab, holen uns mit einer Warscheinlichkeit von 99,999% eine Erkältung und können die Tour per Zug fortsetzen (wenn wir überhaupt ankommen...da kann man ja auch schnell mal die Bergwacht rufen müssen). Als einzig sinnvoll erscheint uns ein ungeplanter Ruhetag.
Allerdings wollen wir ersteinmal frühstücken und die anderen Gruppen befragen, wie ihre Pläne aussehen.
Also schnell ne Hose angezogen, Beinlinge drunter (wir hatten ja nur kurze Hosen mit uns Heizung geht da im Sommer nicht

) und runter zum Speiseraum. Auf dem Weg kommt uns schon ein Radfahrer in Radsachen entgegen: er wolle es versuchen. Meiner Meinung nach ist das ein sehr gefährliches Unterfangen, alleine eine Transalp zu unternehmen und dann noch über einen schneebedeckten Pass fahren zu wollen. Aber er ist voller Tatendrang und will los.
Als wir in den Essraum kommen, sind die beiden jungen Sachsen gerade beim erheben. Sie wollen es auch versuchen, sagen sie uns im gehen. Ok, wir bleiben vorerst bei unserer Meinung, dass es ein sinnloses Unterfangen ist. Die älteren Herren am Nachbartisch grübeln ebenfalls, bis sie sich nach 30 Min gemeinsamer Beratung gemeinsam mit uns für den Versuch entscheiden, den Pass in Angriff zu nehmen. Zumindest wollen wir erstmal zur Heidelberger Hütte. Julia ist immernoch pesimistisch...warscheinlich hat sie noch die Kälte des Vortages in Erinnerung, doch unser Chefmotivator Franz leistet ganze Arbeit. Einen großen Anteil daran hat aber auch der Regen, der sich glücklicherweise wärend des Frühstücks fast komplett zurückzieht.
Wir erstellen also einen Schlachtplan, wie wir dieses Monstrum von Berg bewältigen wollen.
Zuerst erwartet uns der Anstieg hoch zur Heidelberger Hütte, nicht ganz so steil wie zur Bodenalpe. Trotzdem deutlich erschwert durch den Fakt, dass er 100m hinter dem Hotel beginnt und wir uns so quasi im Anstieg mit 150-160 Puls warmfahren "dürfen"

. Wir entscheiden, dass wir uns bis zur Hütte dünn anziehen (Knielinge/dünne Jacke) und dort warme Sachen überziehen (oder zumindest so anziehen, dass wir am Gipfel max 60 sek stehen müssen). Sollten wir bis zur Hütte doch von oben nass werden, können wir dort auch trockene Sachen anziehen. Ausreichend Klamotten für einen kompletten Wechsel haben wir mit.
Vorm Start ölen wir alle noch unsere Kette und legen los. Anfangs schön gemächlich...wenn man das bei der Steigung überhaupt irgendwie kann

. Schnell erreichen wir die Schneefallgrenze, nur unsere Schotterstraße ist noch schneefrei. Viele Schmelzwasserbäche queren unseren Weg...diese bilden teilweise größere Pfützen, die wir fahrend durchqueren müssen. Ein paar sind sogar so tief, dass wir nasse Füße bekommen

. Das ist natürlich alles andre als Ideal bei dem Wetter, aber es nützt nix, irgendwie müssen wir ja vorbei kommen. Der Anstieg ist sehr wellig: mal flach, mal so steil, dass wir teilweise echt zu kämpfen haben, nicht absteigen zu müssen. Insgesamt fährt er sich aber doch relativ gut und nach etwa einer Stunde erreichen wir die Hütte, wo wir uns kurz in dem Vorraum umziehen. Ich ziehe meine Beinlinge über die Schienbeine, sodass ich sie später dannnur noch hochziehen brauch und stecke mir die Winterjacke unter das Trikot. Eine Gute Idee, wie sich am Gipfel zeigt.
Zum weiteren Verlauf steht im Roadbook: "Fimberpass: ab hier links steil bergauf schieben, teilweise fahrbar, grandioser Übergang (ca 1h). Wir ahnten nichtmal in unseren schlimmsten Alpträumen, was uns dort erwarten sollte...
Direkt nach der Hütte war ein kurzer Steg über einen Bach und dann ging es wirklich steil berauf. Das Problem bei der ganzen Sache war, dass es quasi keinen Weg mehr gab, zumindest keinen offensichtlichen. Das, was wohl mal der Weg war, hatte sich eher zu einem Gebirgsbach entwickelt. Wir mussten also mit unseren Rädern steil bergauf durch ein kaltes Gemisch aus Schnee und Schlamm schieben und klettern. Dauernd waren die Füße nass und kalt, man war pausenlos am rutschen. Grip fand man auf dem Untergrund selten. Weiter oben wurde es zwar kurz flacher, aber an Fahren war einfach nicht zu denken. Der Schnee war einfach zu tief, was mit zunehmender Höhe noch schlimmer wurde. Von der Hütte aus waren es ca 2,6km (was im Buch ja mit 1h gekennzeichnet war). Wir brauchten letztendlich knapp 2,5h für die 350hm.
Ich muss sagen, mir für meinen Teil war garnicht unbedingt extrem kalt, aber dieses dauernde Einsinken in den Schnee war doch eine große Belastung. Oft machte man einen Schritt, zog das Rad hinterher und setzte dann den nächsten Fuß weiter. So kamen wir natürlich nur sehr langsam voran. Franz merkte man seinen Vorsprung an Fitness nun deutlich an, oft kam er ohne Rad zurück und erleichterte Julia den Aufstieg. Ich ging die ganze Zeit hinter ihr, um sie auch etwas unterstützen zu können (obwohl ich auch nah am Limit war und nicht viel schneller konnte). Ihr machte die Kälte das Aufsteigen doch sehr schwer.
Kurz vor dem höchsten Punkt des Passes wurde es dann etwas flacher, was uns die Sache aber nicht wirklich erleichterte, da wir so kaum mehr windgeschützt gingen. Nun war selbst Franz und mir hundekalt. Oben angekommen hielten wir garnich erst an, Franz machte nur kurz ein Foto. Erst ein paar Meter weiter unten, wo der Weg etwas geschützter verlief, stoppten wir.
Ich ziehe schnell meine Beinlinge hoch und die Winterjacke drüber...lange rasteten wir nicht, denn bereits nach einer Minute kroch die Kälte in unsere schweis-nassen Sachen.
Die folgende Abfahrt gestaltete sich sehr wechselhaft. Ganz oben fuhren wir noch im Schnee, später erkannten wir wieder einen Weg. Dieser war allerdings so aufgeweicht und schlammig, dass wir oben den größten Teil schieben mussten. Erst später, als wir dann auch unsere Sattelstützen reingeschoben hatten, konnten wir wenigstens ein wenig rollen, auch wenn wir meistens mind. ein Bein am Boden hatten. Dauernd rutschte man auf irgendeinem Stein aus. Franz machte zwei Mal die Erfahrung, warum man runterwärts den Sattel runterschraubt...sein Rad warf ihn zwei Mal über den Lenker ab. Es war aber auch nicht einfach, mit dem schweren Rucksack die Balance zu halten.
Nach ca. 20 Min wurde der Trail dann mehr und mehr trockender und fahrbarer. Er entwickelte sich zu einem sehr schönen, technisch anspruchsvollen Single-Trail. Weiter unten in Richtung der Alp Chöglias mussten wir dann 3 Mal den Fluss überqueren, der parallel zu unserem Weg verlief. Der Weg verbreiterte sich etwas und wurde eher zu einer Schotterstraße. Inzwischen war es übrigens wieder etwas wärmer geworden, sodass wir unsere Winterklamotten ausziehen konnten. Uns kreuzten wieder ein paar Schmelzwasserbäche, die wir teilweise nicht durchfahren könnten, sondern mit Rad möglichst trocken über-"hüpften". Das sah sicher sehr elegant aus

(hauptsache wir wurden nicht wieder nass).
Leider legte sich Julia auf diesem Teilstück auch lang. Ihr Sturz war aber sehr glimpflich ausgegangen: sie rutschte auf einem Stein aus und schaffte es mit einer sehr akrobatischen Einlage, sich aus voller Fahrt so abzufangen, dass fast nix passierte. Eine kleine Schramme gehört auch einfach zu so einer Tour dazu.
Direkt danach mussten wir eh anhalten, da Franz wohl einen spitzen Stein in einer Pfütze mitgenommen hatte: Vorne + Hinten Platten. Das schoben wir aber nicht auf die Reifen, da das wohl mit jedem passiert wäre.
Nach der ungeplanten Pause folgte eine sehr geile, schnelle Abfahrt über einen präparierten Forstweg. Hier konnten wir es mal so richtig rollen lassen und mit High-Speed richtung Tal rasen. In Vna angekommen wechselt unsere Route auf Asphalt...wir haben übrigens bis dahin knapp 4,5h für 21km gebraucht. Das grenzt an einem Rekord.
Von Vna aus führt eine lange Asphalt-Abfahrt nach Scoul. Diese wird mir zum Verhängnis, womit dann auch ich meinen Sturz an dem Tag weg hatte. Nach einer langen Geraden, auf der man es schön rollen lassen konnte, war eine leichte Rechtskurve zu sehen. Leider unterschätzte ich diese, da sie sehr schwer einsehbar war. Ich geriet etwas zu weit raus und auf die Gegenspur...natürlich kam ausgerechnet in dem Augenblick ein Auto um die Ecke. Also reagierte ich blitzartig und suchte den Weg links am Auto vorbei. Das konnte aber aufgrund meiner überschüssigen Geschwindigkeit niicht gut gehen, weswegen ich mich voll gegen so einen schwarz-weißen Boller setzte und mein Rad mich über den Lenker abwarf. Das Doofe war, links ging es einen steilen Abhang hinab, welcher mich nun erwartete.
Ich hatte das Glück, dass ich direkt in einen Busch geflogen bin, der mich etwas abbremste. Trotzdem rollte ich noch weitere 4-5m bergab, bis ich mich an einem Baumstumpf festhalten konnte (zum Glück bin ich da nicht drauf geflogen!

). Langsam fasste ich wieder klare Gedanken...ich blickte nach oben, wo die Fahrerin des Autos stand und nach mir rief. Ich gab mein OK, dass ich noch lebe und begann, übersäht von den Samen des Busches, den Aufstieg. Das war garnicht so einfach mit dem schweren Rucksack.
Als ich wieder oben auf der Straße stand, ging mein erster Blick zu meinem Rad. Franz, der direkt hinter mir fuhr, hat es inzwischen aufgehoben und durchgecheckt...größere Schäden waren nicht zu erkennen. Nur der Reifen eierte... war warscheinlich bei dem Aufprall auf den Boller von der Felge gerutscht. Langsam rollten wir gemeinsam Richtung Tal, wo Julia auf uns wartete.
Im Nachhinein ist es eigentlich Schade, dass Franz keine Helmkamera hat. Der Sturz sah bestimmt seeehr spektakulär aus

. Aber ich sollte ja eigentl. froh sein, dass ich noch lebe...
Nach ein paar weiteren Höhenmetern bergab erreichten wir den schweizer Ort Scoul, was unser heutiges Etappenziel sein sollte. Wir hatten also 35km in knapp 6h geschafft. Eine Weiterfahrt war sinnlos geworden, da die nächste Übernachtungsmöglichkeit noch 3h Fahrzeit entfernt war.
Direkt am Ortseingang fanden wir ein kleines ansprechendes Hotel, was nicht allzuteuer war. Wir hatten mal 2 Zimmer, statt ein Dreibettzimmer, konnten sogar kostenlos unsere Sachen waschen und der Fehrnseher enthielt alle deutschen Sender. Vor dem Abendbrot gingen Franz und ich noch in den einen Fahrradladen, den es in Scoul gibt. Er brauchte nach den zwei Platten neue Schläuche und ich wollte nach einer Standpumpe wegen meinem Reifen fragen. Dort stellte sich allerdings heraus, dass er fest auf der Felge saß, aber an sich eierte. Als mir der Verkäufer aber einen Schwalbe Nobby Nic für 80 Eur (?!?!) anbot, lehnte ich dankend ab und wollte es mit dem schiefen Reifen versuchen. Immerhin saß er ja fest auf der Felge, es sollte also nix passieren.
An dem Abend besuchten wir dann noch in ein sehr gutes Restaurant...das brauchten wir nach so einem Tag einfach. Schlafen gingen wir früher als an den vorangegangenen Tagen, denn es ging am nächsten Morgen eher los. Wir mussten ja etwas Strecke aufholen. Doch dazu mehr im Bericht zur 4. Etappe

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