Diesmal sollte es von Leipzig nach Juliusruh auf der Insel Rügen gehen.
Vorbereitung?
Der Begriff "Vorbereitung" im Sinne von "ich trainiere mit Ziel auf ein bestimmtes Radsport-Event" trifft es eher weniger. Von Juli 2008 bis ca. Ende März 2009 bestand mein Training im Wesentlichen aus diversen Reha-Maßnahmen; danach war ich vielleicht bei 1-2 Handvoll Trainingsausfahrten der Sonnabend-Gruppe anwesend.
Bei mindestens einer dieser Ausfahrten kamen allerdings auch Gespräche über die am 20. Juni 2009 stattfindende Ostsee-Tour auf; diesmal immerhin die 10. und damit eine Jubiläums-Tour.
Eigentlich war es ja eine blöde Idee, und ich hatte auch keine Lust mitzufahren (z.T. aus Angst, wieder auf das linke Bein zu fallen; und 0 Form im Vergleich zu alten Zeiten); aber am 18. Juni 2009 meldete ich mich doch als Ersatzmann für einen anderen kurzfristig ausgefallenen Fahrer an.
So erscheine ich also am 20. Juni 3:15 Uhr, beinahe schon "wie üblich", am Augustusplatz in Leipzig zum Start. Wenn es unterwegs kräfte-mäßig (oder warum auch immer) nicht mehr geht, steige ich eben zur Not in den Bus
Erste "Etappe"
3:30 erfolgt der Start; zunächst geht es eine Extra-Runde um den Leipziger Ring, die von ein paar umherstreunenden nächtlichen Disco-Besuchern bejubelt wird. Die Extra-Runde soll übrigens dazu beitragen, daß am Ende auch das Soll von 500km erfüllt wird.
Es geht wie immer über die B2 aus der Stadt heraus, Richtung Bad Düben und Wittenberg. Aufgrund unklarer Fitneß meinerseits halte ich mich zunächst eher versteckt im Feld und immer schön auf der rechten Seite (weg von der Windkante) auf. Es ist relativ kalt; unser Mann im Führungs-Auto quatscht über Megaphon was von +9°C. Aber das bin ich von der Ostsee-Tour mittlerweile gewöhnt und standesgemäß winterlich angezogen. Immerhin ist es trocken, und relativ wenig bedrohliche Wolken sind zu sehen. In dem Wissen, daß bald die erste Futter-Pause kommt, manövriere ich mich zwischen Bad Düben und Wittenberg doch tatsächlich mal in die erste Reihe des Pelotons. Hab' leider keinen Tacho (z.Z. verloren); auf Anfrage teilt mir mein Nebenmann was von 33 km/h mit - ich hätte 26 geschätzt... Kurze Zeit später kommt folgerichtig Martin Goetze nach vorne und sagt, wir möchten bitte etws langsamer machen; einige Fahrer würden von der Windkante fliegen. Einige Kilometer hinter Wittenberg (bei ca. km 86?) kommt dann irgendwann die erste Futterpause.
Zweite "Etappe"
Nach einigen Minuten geht die Fahrt weiter. Das Wetter ist mittlerweile von der Sorte "kalt, aber sonnig". Aufgrund meines doch längeren Aufenthalts in der ersten Reihe während des vergangenen Streckenabschnitts reihe ich mich erstmal wieder hinten ein; leider gerate ich dabei relativ oft auf die linke (Windkanten-)Seite, so daß echte Erholung nicht stattfindet. Die Fahrt verläuft bis zum Ort Groß-Kreuz ansonsten relativ unspektakulär, abgesehen von den dauernden Durchsagen "Achtung, Verkehrsinsel/Kreisverkehr" und den folgenden nervigen Durchfahrten dieser Objekte. Am (im?) erwähnten Groß-Kreuz kommt es zum ersten (ungeplanten?) Verfahrer des Tages; statt rechts wird links abgebogen, was im Endeffekt ca. 3 zusätzliche Kilometer zur Folge gehabt haben dürfte. Wieder auf die richtige Strecke zurückgekommen, gibt es auf einmal unerklärlicherweise eine sehr hektische Fahrweise im Feld, die - fast folgerichtig - zu 2 Unfällen im Feld im Abstand von wenigen Minuten führt. Bei einem der Unfälle wird pappie's Vorderrad verbogen. Der Schreck fährt mir in die Glieder, da ich die Unfälle aus unmittelbarer Nähe beobachte und ich mir eigentlich kein Fallen auf mein "Metallbein" leisten kann und will. Zum Glück kommt kurz darauf die obligatorische Fähre in Ketzin - nächste Pause.
Dritte "Etappe"/Schienen
Da sich die offizielle Weiterfahrt nach der Fährüberfahrt in Ketzin eine Weile verzögert (man braucht mehrere Überfahrten, um alle(s) über die Havel zu kriegen...), fahre ich vorsorglich schon eher los, um 2 folgende kritische Schienen-Querungen nicht im Feld fahren zu müssen. Nach ca. 20(!)km im Bummeltempo holt mich das Feld dann endlich in Nauen ein; ich dachte schon, die hätten sich irgendwo verfahren. Das hatten sie aber nicht, denn zum nächsten (aber auch zugleich letzten) Verfahrer des Tages wurde ich gerade rechtzeitig eingeholt. In Nauen erfolgt eine - so sicher nicht geplante - Stadtdurchfahrt mit teilweise recht interessanten Fahrbahn-Belägen (reine Sandpiste - bei einer offiziellen Straße!, und allerfeinstes(-miesestes) brandenburgisches Kopfsteinpflaster). Irgendwann ist aber auch die Irrfahrt durch Nauen beendet, und es kommt der Streckenabschnitt, den zu durchfahren wohl jeder Psychologe als "Bewältigung eines Traumas" beschreiben würde:
Die Fahrt Richtung Rheinsberg mit "meinen" Schienen, die mir 2008 zum Verhängnis wurden
Antritt aus der dritten Reihe - voll durchziehen - jetzt nicht nachlassen - ich sehe nun bereits die Schienen - nochmal alles geben - gleich sind die Schienen erreicht - voll auf die linke Fahrbahnseite, langsamer werden - im exakt 90°-Winkel drüber - geschafft!
Beinahe logisch, daß eine Becker-Faust folgte. Das war glasklar der schwierigste Abschnitt des Tages; alles weitere ist nun Pillepalle
Als ich mich umdrehe, ist das Feld weit hinter mir. Nach einiger Zeit holt es mich wieder ein; nun macht sich der oben angesprochene Delirium-Zustand wieder stärker bemerkbar. Zum Glück kommt in 14km die große Mittagspause; mittlerweile verspüre ich zusätzlich zum Gefühl geistiger Umnachtung auch recht großen Durst/Hunger. Auf einen Versuch, in Canow (Ort der Mittagspause, ca. km 252) zu sprinten, verzichte ich lieber. Dort angekommen, bin ich heilfroh, mich sofort auf einen Stuhl setzen und Unmengen Nudeln, Apfelschorle und Kirschen vertilgen zu können.
Dritte "Etappe"
Als Martin Goetze zur Weiterfahrt mahnt, bin ich zumindest halbwegs wieder bei Sinnen. Leider waren es wohl der Kirschen ein paar zu viel, so daß ich pünktlich zur Abfahrt nochmal für eine längere Sitzung aufs Klo renne (wer will schon 250 folgende Kilometer mit drückendem Darm fahren?). Als ich vom Klo wiederkomme, ist weit und breit kein Radfaher mehr zu sehen; jetzt muß - keine Form hin oder her - der alte Rennfahrer-Instinkt her!
Vierte "Etappe"
Zum Glück hört der Regen bald wieder auf; bis Demmin sind die Straßen dann weitgehend wieder trocken. In Demmin steht ein gelbes Schild Richtung Stralsund - das wird aber wie bereits vor 2 Jahren ignoriert, um lieber ein paar Zusatzkilometer über die Dörfer dranzuhängen.
Ich befinde mich relativ weit hinten im Feld; das Wieder-Heransprinten in diesem Teil des Feldes nach diversen (eher: zahlreichen) Kopfsteinpflaster-Passagen, Baustellen etc. ist relativ mühsam. Zudem hat man auf der linken Seite, auf die ich immer wieder gerade, nur wenig Windschatten. Einige Fahrer kriechen bereits auf dem berühmten Zahnfleisch; mich wundert, daß ich immer noch nicht darunter bin
Interessant ist immerhin die Landschaft, die im Vergleich zu Sachsen relativ wenige Ortschaften (und auch nur geringer Größe) pro km² aufweist. In einem dieser Orte, Siemersdorf, erfolgt bei ca. km 390 die (vor?)letzte Pause des Tages.
Fünfte "Etappe"
Nach dieser Pause fühle ich mich so gut wie vollständig erholt, was mich dazu veranlaßt, bis Stralsund immer in erster oder zweiter Reihe zu fahren. Je näher wir Stralsund kommen, umso mehr läßt der Wind nun nach. In Stralsund wurde uns Polizei-Begleitung versprochen, doch davon ist weit und breit nix zu sehen. Eine Schrecksekunde gibt es, als eines unserer eigenen(!) Begleit-Autos mit Reportern drin auf der rechten Straßenseite quasi plötzlich "im Weg" steht. Dann geht es über den alten Rügendamm auf die Insel Rügen. Links ragt imposant der neue Rügendamm empor. (3-mal "Rügen" innerhalb von 11 Wörtern - schlechter Ausdruck, ich weiß...) Hinter dem Damm führt eine Straße nach links zu unserem Quartier von 2007; diesmal jedoch stehen noch weitere ca. 70km auf Rügen bevor. Auf der Insel hat der Wind inzwischen fast vollständig nachgelassen; der verbleibende Rest-Wind kommt, wie an diversen Fahnen ersichtlich, von schräg hinten links. Das Tempo auf der Straße nach Bergen ist wohl recht hoch; ich schätze 33, während ein Mitfahrer was von 38 erzählt. Meinetwegen können wir, auch aufgrund langsam einsetzender Dunkelheit, ins Ziel durchfahren; dennoch gibt's kurz vor Bergen die letzte kurze Pause des Tages.
Sechste "Etappe"
Ab Bergen kommt neben der Dunkelheit etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Berge! Der Name Bergen ist also tatsächlich Program. Ich hätte nicht erwartet, daß ausgerechnet hier, kurz vorm Ziel und im hohen Norden an der See, noch derart viele Höhenmeter gesammelt werden. Also wer auf Malle keine Lust hat: Rügen tut's auch... In (oder kurz hinter) der Stadt Sagart folgt noch mal ein Kopfsteinpflaster-Stück, das zwar nicht von der allerschlimmsten Sorte ist, aber v.a. durch seine Länge auffällt. Ich dachte für einen Moment sogar, daß das bis zum Ziel so weiter geht
Als nach einigen Minuten das Ortseingangschild bereits in Sichtweite ist, bemerke ich, daß ich hinten einen Platten bekomme. In dem Wissen, eine Citec-Felge zu haben, holpere ich, soweit es nur irgendwie geht, mit dem immer platter werdenden Reifen in den Ort hinein - ich habe jetzt keine Lust mehr, zu reparieren
Nach ca. 1km steige ich dann doch ab und entschließe mich kurzfristig dazu, noch einen ca. 1km-Spaziergang durch den Ort hinzulegen - hab' ja sonst noch keine Bewegung gehabt heute
Sonstiges
Nach einigem Suchen finde ich dann unser Quartier, wo die anderen bereits herumstehen. Wie ich feststellen muß, habe ich tatsächlich die komplette Strecke durchgehalten.
- Schultern, Arme und Rücken tun etwas weh; überraschenderweise das Bein und der Hintern weniger.
- Streckenlänge war laut Angaben anderer Mitfahrer im Endeffekt irgendwas um 503 km, bei einem ca. 30,5er Schnitt.
- Wetter war insgesamt recht gut, abgesehen von der kurzen Regen-Einlage.
- Zum Glück wurden die zahlreichen Kopfsteinpflaster-Passagen bei Trockenheit befahren.
- Eine derartige Tour ist also auch von relativ untrainierten Teilzeit-Invaliden zu schaffen