Bis in die Nacht habe ich das Rad auseinander gebaut, gesäubert und vor allem getrocknet. Sogar in den Laufrädern war Wasser. Vielen Dank. Aber das böse Bild meines schwimmenden Fahrrads auf dem Gardasee will ich heute im Anstieg zum Passo Manghen vergessen machen. Auf 2050 Meter soll es gehen. Ein letzter Test, bevor ich dann am Dienstag in die Dolomiten starte.
Ich komme tatsächlich um 9 Uhr los. Zum Frühstück gab es noch eine gute Portion Nudeln. Ich habe ja keine Ahnung, was mich heute erwartet. Vom Pass weiss ich nur die Höhe, nicht die Steigungen. Noch aber denk ich mir dabei nix. Der Pass ist so einer der höchsten in der näheren Umgebung des Gardasees. Allerdings muss ich erst noch eine Strecke mit dem Auto fahren. Also wieder den schon bekannten Weg über die Brenner-Autobahn nach Trento. Von dort ins Val Sugana nach Levico Terme, wo ich schon meine Tour über den Monte Bondone gestartet habe. Als ich aus dem Tunnel komme, wieder eine böse Überraschung. Die dunklen Wolken hängen tief über dem Tal und ich bin sicher: Jeden Augenblick fängt es an zu schütten. Ich packe trotzdem aus und lass mich auch von dem starken Gegenwind nicht abbringen. Die ersten 20 Kilometer nach Borgo (wesliche Richtung) sind zwar flach, aber der Gegenwind treibt den Puls schon hoch. Da ich heute so um die 110 Kilometer fahren will, mache ich etwas Tempo, denn der Anstieg wird schon genug in Anspruch nehmen. Die Fahrt bis Borgo geht über einen guten Radweg unterhalb der Schnellstrasse und Eisenbahntrasse. Den kann ich nur empfehlen. Auf keinen Fall die Strasse nehmen. Da wird fast gefahren, wie auf der Autobahn.
Auf dem Radweg treffe ich noch auf andere mutige Mitstreiter. Gegrüsst werde ich zwar nicht, aber trotzdem hoffe ich ein wenig darauf, dass die beiden vor mir das gleiche Ziel haben. Als wir dann aber Borgo erreichen und sie rechts abbiegen, weiss ich, es geht allein links in den Anstieg. Der beginnt direkt mit 8%. Insgesamt sind es 1600 Höhenmeter (!) am Stück. Ich lass es also langsam angehen, auch weil es just auf den ersten steilen Metern anfängt zu regnen. Dazu ist die Temperatur schon hier im Tal mal gerade so um die 15 Grad. Dass kann ja oben was werden. Es geht auf guten Strassen durch dicht bewaldetes Gebiet. Dann seh ich in den Tagen zum ersten Mal eine Schranke und Schild vor dem Passeingang. Spätestens jetzt weiss ich: Es geht hoch hinaus.
Gut fühlen sich meine Beine nicht unbedingt an. Dabei habe ich grad mal die Hälfte der 23 (!) Kilometer Anstieg hinter mir. Wenigstens regnet es nicht mehr. Aber mit jedem Kilometer wird es kälter. Nur die kurzen Momente, wenn die Sonne dann mal raus schaut, kann ich Wärme tanken. Dafür ist die Landschaft ein Traum. So bald ich die dichten Wälder hinter mir habe, gibt es wunderbare Ausblicke. Hier ist alles noch viel grüner, als am See. Dazu herrscht eine absolute Ruhe. Nur ganz wenige Touristen verirren sich zumindest heute hier her. Kein Wunder bei dem Wetter. Einen Zwischenstopp mach ich an einer winzigen Kapelle. Da ahne ich noch nicht, wie sehr ich den Beistand von oben später noch ersehne.
Weiter oben, muss ich Ausweichkurse fahren. Über mehrere Kilometer haben Kühe die Herrschaft über die Strasse übernommen. Die kurze Anfrage, ob mich eine hochziehen will, wird nur mit einem müden ?Muh? beantwortet. Ich strample also alleine weiter. Irgendwann geht mein Blick dann weiter nach oben und ich suche den Berg nach der Passhöhe ab. Doch vor mir baut sich nur eine grüne Wand auf. Ich denke gerade noch: ?Nein, da kann es nicht hochgehen?, als ich mitten in der Wand ein Auto entdecke und dann auch die Pfähle der Passtrasse. Der Anblick der steilen Rampen haut mich echt um. Etwas mutlos fahre ich weiter und zum ersten mal zweifle ich wirklich daran, ob ich es bis oben schaffe. Quasi zur Aufmunterung schickt der Himmel dann noch starken Dauerregen.
In dem Moment bekomme ich eine Kurznachricht von meiner Schwester: ?Hallo, wie ist die Tour? Das Wetter hier ist traumhaft. 30 Grad, Sonne. Fahren jetzt mit dem Boot raus.?
Ich könnte ko.....und lege die Weste an, die ich aber wenig später wegen er Anstrengung weit öffnen muss. Die letzten Kilometer waren schon im Schnitt 9 - 10 %. Aber jetzt wird es noch steiler. Bis zu 15% zeigt mir der Garmin jetzt an. Und leider nicht nur in Spitzen. Es ist wirklich eine Qual und die mitleidsvollen Blicke der Wanderer am Strassenrand sind auch kein Trost. Jetzt kämpfe ich mich nur noch von Kehre zu Kehre und ich habe das Gefühl, es will nicht aufhören. Jedes mal, wenn denke, ich hab die Passhöhe gesehen, geht es danach noch höher. Für einen Moment kommt die Sonne raus und ich nehme noch mal Fahrt auf. Der Blick geht fast nur noch auf die Anfeuerungsschriften auf der Strasse. ?Go Gibo? lese ich die ganze Zeit und ich stelle mir vor, wie die Profis hier wohl beim Giro hochjagen. Die Stimmung auf der nun mehr sehr engen Passstrasse muss toll sein. Die Gedanken tragen mich jetzt hoch, meine Beine reagieren nur noch. Dann ist es endlich geschafft. Die letzte Kehre und ich überfahre eine Ziellinie. Dann das Passschild. Die Freude steigt auf und ich kann mir einen kleinen Jubler nicht verkneifen. Dann fängt es wieder in Strömen an zu regnen. Ich mache schnell die Fotos, dann verkrieche ich mich ins Rifugio. In der Hütte ist richtig Stimmung. Als ich reinkomme, ernte ich verständnislose Blicke! Jeder hier sitzt dick eingemummt auf den Bänken. Ich komme rein, in kurzen Hosen und Trikot. Von der Anstrengung und Regen so nass, dass ich die Klamotten fast aufhängen müsste. Zuerst eine Cola und dann eine leckere Portion Nudeln. Die Bedienung ist nicht nur süss, sie ist auch sehr nett und vor allem schnell. ;-) Der Blick raus, lässt mich noch einen warmen Tee bestellen - draussen regnet es jetzt wagerecht, so stark ist der Wind mittlerweile. Mist, ich habe nun auch echte Bedenken vor der Abfahrt. Den Zeitpunkt schiebe ich immer weiter hinaus. Aus der geplanten halben Stunde wird dann eine ganze. Dann erst traue ich mich - noch immer sehr nass - raus. Ich erwische aber einen guten Moment. Der Regen hat aufgehört und die Sonne schickt ein paar Strahlen runter. Doch der Zustand der Strassen ist eine Katastrophe. Der Bremstest nach ein paar Metern beschert mir einen gefährlich Drift. Es ist glitschig und ich wage nur ein Schneckentempo. Die steilen Abhänge - natürlich ohne sichernde Leitplanke - machen auch nicht grade Mut. Statt jagender Abfahrt bewege ich mich wie auf rohen Eiern. Erst viel weiter unten traue ich mich ein wenig aufs Tempo zu drücken. Hier ist die Strasse auch wieder breiter und teilweise auch trocken. Bis Molina geht es auf 800 Meter runter. Doch vor mir liegt noch ein Anstieg. Nicht lang, aber dafür steil. Auf das Altopiano di Pine. Erst danach kann ich mich entspannen und es geht zurück Richtung Levico Terme. Natürlich wieder mit tollem Gegenwind. Erst um 18.45 Uhr bin ich wieder am Auto. Müde, aber auch ein wenig stolz, es auch unter den Bedingungen geschafft zu haben. Am Ende sind es 113 Kilometer und 2.500 Höhenmeter. Und mein Rad hat den Sprung in den See anscheinend gut überstanden. Also dann, auf in die Dolomiten.