Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

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peso
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Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von peso » Do 24. Aug 2006, 18:01

Peso hat drei Tage Wahnsinn im Allgäu beendet. Meine Beine rotieren noch in ihren ungebrochenen Gelenken, die Lunge blieb mit etwas Mühe an ihrem Platz und auch die Zunge konnte vor dem Abbeißen gerade noch gerettet werden.

Dienstag

Die Wetteraussichten sind bescheiden. Dauerregen im Allgäu bei Temperaturen unter 10 Grad. Schon nach der kurzen Fahrt bis zum Münchener HBF bin ich völlig durchnäßt und steige zahnschmelzzerklappernd in den ALEX Richtung Oberstdorf. Auf die Zahl der (Rad-)Wanderwilligen hat dies aber keinen Einfluß, der Zug ist schon ordentlich voll - und ich natürlich der Idiot, Pardon, Exot mit dem Rennrad. Überhaupt, wer sich dem Vergnügen Allgäu auf zwei Rädern mangels Auto umweltfreundlich und quälend langsam mit der Bahn nähern muß, der kann nicht behaupten, sein Rad zu lieben. Erbarmungslos werden die häßlichen Schweißunfälle mit ihren Korbbuckeln und Sattelwarzen ineinander verkeilt, paßt doch noch ein MTB in das überfüllte Abteil und verbiegt mir meinen STI. Wer seine Carbonschönheit ausführen müchte, nimmt lieber das Auto oder übernachtet direkt im Allgäu.

In Immenstadt werde ich - schon etwas angetrocknet - aus dem Zug geworfen und bin nach 25 Sekunden bereits wieder bis tief unter die Funktionsfaser naß. Umständlich suche ich den Aufstieg zum Mittagberg, ein Warnschild spricht von "Gesperrter Fahrstraße" und 50 Meter weiter weiß ich auch warum - weit und breit kein Land...äh...Asphalt in Sicht.
Also kehre ich um und bahne mir meinen Weg durch den Immenstädter Verkehr, der alles übertrifft, was ich vorher erlebt habe. Hält man mal kurz, um auf die Karte zu schauen, steht man dann 5-10 Minuten auf dem Bürgersteig, um wieder auf die Straße zu kommen. Immerhin finde ich bald einen Radweg und schwimme auf diesem bis Kranzegg.

Ein Schild verspricht Speis und Trank auf der Grüntenhütte und wer weiß, wo ich die nächste Tankstelle finde... Also hinauf auf den Berg! Es beginnt moderat mit 9% zu steigen, trotzdem kette ich schon früh meine 30-27, um Kraft zu sparen. 800 Meter weiter wäre dies dann auch unfreiwillig geschehen, schließlich wird es ab dem Steinbruch, durch dessen Gelände man quasi hindurchfährt, richtig steil. 15% über mehrere hundert Meter sind auch hier schon problemlos drin. Ich hebe auf dem letzten Flachstück mein Rad über die Schranke, halte den Photoapparat gegen die ob des Regens kaum erkennbaren Bergwände und bin nun bis zum Gipfel ganz allein. Bis zur Kammereggalpe sind es nochmals etwa 500m mit 15% und dann öffnet sich der Blick auf die in Asphalt gegossene Apotheose des Irrsinns. Die nächsten 2 km haben beständig über 20% Steigung und erreichen Maxima von bis zu 26%. Auf Serpentinen hat man im oberen Bereich fast vollständig verzichtet, die Straße folgt den Türmen des Schleppliftes und mag einfach nicht enden. Aller paar Minuten senkt sich die Kurbel auf der einen Seite und ich habe wieder eine Umdrehung geschafft, ans Hinsetzen ist nicht mehr zu denken. Und doch, endlich wird es etwas flacher, ich erhole mich kurz bei 17%, bevor ich mein Rad über die letzte Rampe vor der Hütte ziehe und gerade noch so den Befehl zum Ausklicken geben kann, bevor die undifferenzierte Masse unterhalb meines Oberkörpers wie Gallerte auseinanderfließt. Der Powerbar kostet mich halbgefroren fast einen Zahn und ich bemerke dabei, daß es furchtbar kalt ist hier oben. Also steige ich wieder auf und rolle hinab. Den Hintern schön weit zurück, beide Bremsen durchgängig gezogen und in jeder Kurve ein kleines Stoßgebet. Irgendwann bin ich dann unten und darf erstmal meine Bremsen neu einstellen, weil sich ein Viertel des Bremsbelags schon verabschiedet hat.

Ich fahre auf einem schönen Fahrradweg durch satt-grüne Wiesen bis Wagneritz (763 m) und beginne dort den Anstieg zur Kalkhof-Sennhütte. Wieder beginnt es moderat, erreicht wenig später aber auch wieder 20% in den Steilstücken. Trotzdem läßt es sich recht ordentlich fahren, weil es auch flachere Abschnitte und sogar eine kleine Abfahrt gibt. Nur leider endet dann die asphaltierte Straße und verdichteter Rollsplitt macht seinem Namen alle Ehre. Im Stehen kann ich nicht fahren, weil das Hinterrad böswillig durchrutscht, aber sitzen bleiben kann ich auch nicht, weil mir das Vorderrad entgegenkommt. Die nächsten 1,5 km lassen mich die Balance zwischen beiden Möglichkeiten, unglaublich langsam einen Berg hinaufzufahren, suchen und enden etwa 40 m unterhalb der Hütte. Hier stehen die Kühe auf dem Weg und scheißen voller Freude den Weg zu. Kurz darauf zieht sich auch ein Elektrozaun quer über die braune Rollsplittmasse und ich mache, daß ich davonkomme. Unten darf ich wieder meine Bremsen etwas enger stellen, das Spiel sollte sich nach jedem Anstieg wiederholen.

Über Burgberg und Tiefenbach umfahre ich Sonthofen und begleite die B308 auf einem Fahrradweg bis Hindelang, dem Beginn des Oberjochpasses. Die nächsten 5 km steigen mit 5% in beeindruckenden Serpentinen nach oben. Endlich mal wieder ein "normaler" Berg - leider regnet es immer noch fast ununterbrochen. In der 7. Kehre sehe ich links den Abzweig zur Hirschalpe, fahre aber noch eine Kehre weiter und biege rechts zur Ochsenalpe ab. Bis zur Unteren Ochsenalpe ist es nur mäßig steil (7-14%), aber danach beginnt der Spaß. Knapp 14% auf 2 km lassen die Gorejacke auch von innen naß werden, kurzzeitig hört der Himmel auch mal auf, mich zu hassen und es macht tatsächlich fast Spaß. Dann bin ich an der Alpe, aber rechts schiebt sich eine unasphaltierte Steilwand in den Wald. Also los! Schnell entwickelt mein Hinterrad wieder sein Eigenleben und ich kann mich kaum noch auf dem Rad halten. Ohne Splitt und den Regen wäre es bei >20% schon schwierig, aber so zweifle ich wirklich, ob ich es bis zur Iselerplatzhütte schaffen werde. Ich fahre nun nur noch im Sitzen bei 22%, das Rad hebt sich bei jeder Kurbelumdrehung vorne ganz leicht an rutscht trotzdem noch hinten durch. Bei 27% gebe ich es dann auf, steige ab, und laufe etwa 100 m mit 0,6 km/h. In einer Serpentine komme ich nochmal aufs Rad und verbiege meinen Rahmen, bis ich ich an der Iselerseilbahnstation bin. Die Grüntenhütte war eine Herausforderung an die Kondition, aber dieser Anstieg wünscht sich eher einen Zirkusartisten.

Als nächstes steht die Hirschalpe auf dem Programm. Über 3 km mit 14% warten auf viel zu vergießenden Schweiß. Der Anstieg ähnelt dem zur Ochsenalpe, ist aber in besserem Zustand und konstant fürchterlich steil. Nach jeder Serpentine klettert die Anzeige des HAC auf über 20%, dann sehe ich vor mir ein paar Wanderer hinter dem Regenvorhang und just in diesem Moment stirbt ohne Vorwarnung mein Fahrradcomputer. Ich heule ein "Nein!" ziemlich deutlich aus den gepressten Lippen und die Unverdrossenen vor mir glauben sicher, ich hätte nur die nächste Steilstelle schon im Blick und würde verzweifeln. Aber nichts da - weit ist es nicht mehr und auf den 200 Metern dann auch sogar unter 10% steil.

Schnell schließe ich meine Jacke und fahre erst hinab zum Oberjochpaß und dann weiter nach Hindelang. Ich bin völlig durchgeforen, habe vorne kaum noch Bremsgummi und jeweils ein unbeheiztes Schwimmbecken in den Schuhen. Ein Hauch Vernunft streift mich unversehens und läßt mich direkt nach Sonthofen fahren, wo ich erst die RB nach Immenstadt nehme und dann 50 Minuten auf den Regionalexpress nach München warte.

2 Stunden später liege ich in der Wanne, die Nudeln geben ihren Widerstand gegen das kochende Wasser schon langsam auf und ich muß morgen natürlich wieder da hin. Ist ja klar!
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"Ich bin in diesem Jahr auf noch keiner Ausfahrt schneller als 24 km/h im Schnitt gewesen." (Anonymer Radfahrer, 2005)

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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von Gebirgsrenner » Do 24. Aug 2006, 18:08

Schön. Klingt nach erholsamen Tagen im Allgäu. Bin auf die nächste Etappe schon sehr gespannt.

Ich fahre...

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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von Frank » Do 24. Aug 2006, 18:35

peso hat geschrieben:Ein Schild verspricht Speiß und Trank
muss es nicht heißen: Speis und Trank?

Ansonsten kann ich nur sagen: verrückt! Aber das ist ja gutes Training, um mich die Anstiege im Erzgebirge hochzuziehen.
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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von Barus » Do 24. Aug 2006, 19:39

Wir haben schon ein völlig bescheuertes Hobby, muß ich immer wieder feststellen...

Ich freue mich auch schon darauf, den nächsten Bericht gemütlich im Sessel sitzend zu lesen. ;)

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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von peso » Do 24. Aug 2006, 19:55

Frank hat geschrieben:
peso hat geschrieben:Ein Schild verspricht Speiß und Trank
muss es nicht heißen: Speis und Trank?

Ansonsten kann ich nur sagen: verrückt! Aber das ist ja gutes Training, um mich die Anstiege im Erzgebirge hochzuziehen.
Aber natürlich! Das Laktat wandert irgendwann auch ins Hirn... :krank:
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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von pneumo » Do 24. Aug 2006, 20:58

Barus hat geschrieben:Wir haben schon ein völlig bescheuertes Hobby, muß ich immer wieder feststellen...

Ich freue mich auch schon darauf, den nächsten Bericht gemütlich im Sessel sitzend zu lesen. ;)
..ich mich auch, sehr lesenswert!
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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von bejar » Fr 25. Aug 2006, 09:09

MEIN IDOL!!! :hut: :liebe: :liebe:

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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von Mettwurstmädel » Fr 25. Aug 2006, 17:14

Respekt und Hut ab für die Leistung! Aber es ist schon etwas, naja... krank, bei solch einem Wetter mit 23mm breiten Reifen einen Berg hoch und wieder runter zu fahren... finde ich zumindest.
Ich fahre ja echt gerne Rad und auch schnell und so... aber das würde ich nicht machen...jedenfalls nicht alleine. In der Gruppe ist das bestimmt lustig, aber alleine ist es irgendwie freaky.
Fährst du irgendwie hauptberuflich Fahrrad oder so? Weil du nur am Fahren bist. Machst du auch noch andere Sachen? Ist nicht böse gemeint, ich würde es nur gerne verstehen, wie man sich so sehr und so oft für eine Sache den A.... aufreissen kann. Weil das ja irgendwann nicht mehr viel mit Spass zu tun hat, sondern mit Schinderei, imho.

Viele Grüße, Steffen

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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von peso » Fr 25. Aug 2006, 18:56

Mettwurstmädel hat geschrieben:Fährst du irgendwie hauptberuflich Fahrrad oder so? Weil du nur am Fahren bist. Machst du auch noch andere Sachen? Ist nicht böse gemeint, ich würde es nur gerne verstehen, wie man sich so sehr und so oft für eine Sache den A.... aufreissen kann. Weil das ja irgendwann nicht mehr viel mit Spass zu tun hat, sondern mit Schinderei, imho.
Hm...es gibt Familienväter, die fahren 24.000 km im Jahr und haben 'ne C-Lizenz gelöst. Davon schaffe ich nicht mal die Hälfte.

Im Moment habe ich eben Zeit und Interesse dazu - davon abgesehen war das mein erster "richtiger" Urlaub seit vier Jahren.

Diese paar Tage im Allgäu waren wirklich eine Schinderei - das ist natürlich Extremradfahren, bei welchem der Weg eben mal nicht das Ziel ist, sondern die Befriedigung allein daraus erwächst, Grenzen von Physik und eigener Leistungsfähigkeit zu erkunden und irgendwann mal auf einem Gipfel zu stehen. Dort bekommt man dann auch ab und zu diese Frage gestellt. :)

Ich muß diese Anstiege auch nicht noch einmal fahren - es reicht sie gesehen zu haben und zu wissen, was straßenbautechnisch möglich und konditionell machbar ist. Eine Ausfahrt in der Gruppe auf "normal" schwerem Gelände bereitet natürlich mehr Spaß - und dafür haben wir ja dieses Forum.

Edit: Teil 2 gibt es morgen.
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Re: Von steilen Schlappen und halben Nebelhörnern

Beitrag von Barus » Fr 25. Aug 2006, 19:16

peso hat geschrieben:Edit: Teil 2 gibt es morgen.
:anbetung:

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