Bei meiner Aufzeichnung sieht man schön, daß ich die ersten 20 Kilometer nur am Anschlag fahren mußte, um überhaupt in die Spitze zu kommen. Es ist unglaublich, was man am Start schon verliert, obwohl man nur 10 Meter hinter den ersten steht. Sehr geholfen hat mir der leichte Anstieg in Markkleeberg, kurz bevor es scharf rechts nach Wachau ging. Da konnte ich die meisten Plätze aufholen. Der Schnitt lag nach diesen 20 km bei 43 km/h.
Kurz vor Dreiskau-Muckern war ich dann im Feld, das sich gerade in Stehversuchen befleißigte. 25-30 km/h - bergab! Es ist ja einfach irre, wie in so einem Feld das Tempo eben noch bei 35 km/h liegt und fünf Sekunden später bei 55, ohne daß man eine Ahnung hat, was der Quatsch jetzt eigentlich soll. Links und rechts hört man nur hektisches Schalten, das lästige Spucken und Gerotze weicht einem verzweifelten Schnaufen und Geröchle - offenbar war es ein paar Leuten zu langsam geworden und die ganz schweren Jungs aus der ersten Reihe ketteten 53/12. Beim Blick auf den Tacho kurz vor Ölzschau staunte ich über 63 km/h!
In der scharfen Linkskurve am Ortseingang von Stockheim legten sich dann 4-5 Mann auf die Nase und fluchten ganz ordentlich - leider mußte ich anhalten und sah die Spitze schon an dem Hügel Richtung Steinbach verschwinden. Das war ja auch das windanfälligste Stück der gesamten Strecke, was in einem fürchterlichen Gehetze mündete. Ich habe in einer kleinen Gruppe 15 km (!) gebraucht, um ein Loch von vielleicht 450 Metern zu schließen. Da merkt man sehr deutlich, daß die Entscheidung, ob man den fehlenden Meter noch zufährt, seinen Vordermann gerade noch halten kann, nicht in den Beinen, sondern nur im Kopf fällt.
Dann endlich wieder im Feld waren die restlichen Kilometer eigentlich recht locker zu fahren. Richtig viel Freude hätte natürlich ein Soziologe, welcher sich der Faszination von windschattenverweigender Gruppendynamik, Fluchhäufigkeit und dem gekonnten Gebrauch des lässigsten aller Gesichtsausdrücke bei Puls 175 sicher nicht verschließen könnte. Besonders ein Vereinshemd mit Volksbankwerbung zeigte sich kunstvoll geübt darin, Bonmots wie "Halte doch Linie, du Arschloch!", "Windkante, du Fickheini!" und ähnliche Zärtlichkeiten seinen Vorderleuten zwischen die Helmöffnungen zu flüstern, daß es eine wahre Freude war. Fast überflüssig zu erwähnen, daß er selbst auf seinem 5000-Euro-Rad einfach nur abenteuerlich durch's Feld eierte. Wirklich anstrengend ist in mittlerer und hinterer Position dann das Wiederbeschleunigen aus den Kurven - da muß man für 10 - 30 Sekunden alles geben.
20 Kilometer vor Zwenkau schlief das Tempo dann erneut fast ein, weil wohl offensichtlich die großen Teams einen Massensprint wollten. Dann gab es noch einmal eine Attacke, der sofort hinterher gefahren wurde (km 103) und wieder flott hinein in die Zielanfahrt. Etwas ärgerlich war hier der Kreisverkehr kurz vor dem Ziel, an dem ich nochmal ein paar Positionen verloren habe. Checker aus dem C4Fans-Forum nahm mich dann an sein Hinterrad und wir konnten noch einmal an vielleicht 10 Leuten vorbeifliegen und ich kurz vor dem Ziel meinen Puls auf 183 und die Geschwindigkeitsanzeige auf über 50 bringen. Wo Platz 1 und 2 sich aus dem Feld gelöst hatten, ist mir immer noch unklar.
Das hat deutlich mehr Spaß gemacht, als ich erwartet hatte und war bis auf Kleinigkeiten auch hervorragend organisiert.