peso hat geschrieben:Die Frage bedarf eigentlich keiner apodiktischen Entscheidung.
Ein bißchen besteht ohnehin die "Gefahr", daß sich bei sehr detaillierter Beschäftigung mit den physiologischen Grundlagen des Radfahrens der Blick etwas zu sehr verengt und die konkrete Ausgestaltung der Trainingsinhalte eine Spezifik erhält, die vielleicht gar nicht nötig ist bzw. die sich zwar argumentativ auf einer gewissen Ebene rechtfertigen läßt, ...
Ich denke, dass genau umgekehrt ein Schuh daraus wird: die zellbiologischen und biochemischen Erkenntnisse erzeugen eben keine Scheuklappen, sondern sie begründen, dass und wieso es tatsächlich nicht so sehr auf die extreme Sauberkeit in der Trainingsausführung ankommt. Hohe Motivation, sich in ein Training richtig hineinzuknien, alles aus sich herauszuholen, ist allemal wichtiger, als in einem Intervall auf die einstellige Prozentzahlen exakt den Leistungskanal zu halten. Wenn ein "innerer Film" vom Hohnstädter race-winning-interval Charlie an der Halde antreibt ... was könnte denn besser sein, als unter dem Gefühlsbild dieses Films ein echtes all-out auf den Fahrweg zu brennen? Warum gönne ich mir den "Luxus", selbst auf eine Trainings-erotische Sauberkeit zu verzichten? Mein innerer Film an der Halde ist das Gefühl der kompletten Atemlosigkeit, die ich bei rennentscheidenden Situationen erleben konnte. Das "kontrollierte Absterben" bei den Folgeintervallen gehört dabei mit dazu und hinterlässt ohne die anaeroben 50 Extrawatt der anfänglichen Frische auch eine Atemlosigkeit, die jener des anfänglichen Bestleistungsversuchs entspricht.
Wenn Chelm die Halde disziplinierter fährt, dann mag das seinem Motivationsbild bzw. der Zielvorstellung entsprechen - auch gut. Dafür ist er dann wieder bei langen Touren an jedem Muldental-Rämpchen, am Rochlitzer oder am Collm "auf Krawall gebürstet". Vielleicht läuft ja auch an der Halde ein innerer Film ab, bei dem die Rennentscheidung am Scharfrichter nicht gleich in der 1. Runde, sondern in Runde 4 auf dem Boden einer Vorermüdung geschieht ... ? Will meinen: die innere Einstellung zum momentanen Training ist enorm wichtig. Wichtiger als manche Trainingsempirie, die auf die "Sauberkeit" der Durchführung pocht.
Man sollte sich einfach mal vergegenwärtigen, woher die heutige Trainingslehre ihre Idee von der "notwendigen Sauberkeit" der Intervallausführung bezieht. Das ist eigentlich sehr einfach erklärt: sie bezieht sie aus einer gewissen Fehldeutung empirisch-wissenschaftlicher Studien. In einer wiss. Studie muss man typischerweise klar definierte Randbedingungen schaffen. So z.B. wird zwischen zwei Leistungsdiagnostiken das Trainingsprotokoll x mit Protokoll y in seiner Auswirkung auf eine Zunahme der Schwellenleistung verglichen. Protokoll x sei eine Dauermethode klar unterhalb der P(iANS), Protokoll y sei ein Intervalltraining bei P(VO2max). Damit auch der allerletzte Proband das Protokoll noch schafft, werden die Vorgaben "moderat" gehalten, also z.B. 60 min bei 90% der P(iANS) versus 5 x 5 min bei 110% der P(iANS). Damit wird nun im günstigen Fall eine wiss. Evidenz geschaffen. Trainer oder Lehrbuchautoren lesen nun diese Studie und sagen: "genau das müssen meine Jungs machen". Nun seien also genau 110% bei 5 x 5 min zu fahren. Die Studie hat allerdings nur ausgesagt, dass dieses vorgegebene Protokoll funktioniert. Ob die Sauberkeit der Ausführung, die bei der Studie vorgegeben war und nun durch die Trainer eingefordert wird, tatsächlich notwendig ist, ist in der Studie gar nicht untersucht worden. Es schleicht sich also bei Trainern und Sportlern der Gedanke ein, die Einheiten müssten sehr sauber durchgeführt werden. Das hat der Wissenschaftler aber weder untersucht noch behauptet. Die Zellbiologie und Physiologie, die dabei gerade abläuft, liefert auch keine Hinweise dafür, dass man exakt in eng definierten Leistungskanälen bleiben müsse. Vielmehr würde physiologisch eine recht goße Spannbreite an Durchführungsvariation begründbar sein.
Unterm Strich will aber der Sportler gar nicht wissen, was da biochemisch passiert. Er will auch nicht die Frage lösen, ob sauberes Fahren der Protokolle erforderlich ist. Er will nur eines: einen optimalen Trainingseffekt. Hierfür ist die hohe Intensität des Trainingsreizes mit Sicherheit entscheidender als die Genauigkeit der Ausführung. Der Schlüssel hierzu lautet: Motivation!