Update 2:
Tatsächlich kam es am Mo. zur OP. Das Schlüsselbein wurde mit zwei hochfesten Nylon-Flaschenzügen und Titanknöpfen entlang der Kraftwirkung des durchgerissenen Trapezbandes wieder zum Rabenschnabel-Fortsatz des Schulterblatts heruntergezogen.
Trotz des zweifellos sehr gelungenen OP-Resultats war das Folgende aber ein hartes Stück Pein. Der erste Abend und die Nacht nach der OP waren für mich die bislang schmerzhaftesten Stunden meines Lebens. Der Sturz und die Situation im Rettungswagen etc. waren dagegen ein Zuckerschlecken. Vermutlich war ich auch einfach zu ehrgeizig, es als "harter Kerl" mit der vorab verordneten Schmerzmittelmenge schaffen zu wollen. Die Paracetamol-/Codein-Kombi (Talvosilen forte) wirkte gerade mal 2-3 Stunden mässig, um dann den Schmerz wieder vollumfänglich freizugeben. Kopfschmerz und Übelkeit wie auch ein gewisses Benommenheitsgefühl schob ich zunächst mal als Nachwirkung der Narkosemedikamente ab. Im Intervall zwischen der Mittags- und Abendtablette dachte ich nur, ob ich nun besser vor Schmerzen erbreche, oder ob ich die Abenddosis vorziehe, und wie ich danach die Nacht überstehen solle. Also bat ich um Zulage und bekam für die Nacht Metamizol (Novalgin), welches aber so gut wie gar nicht half. Auch eine zusätzliche Ration Paracetamol/Codein brachte mir gegen 22 Uhr zumindest 10 min dösenden Schlaf im Sitzen. Danach ab 22:30 Uhr nur noch ein blankes Starren auf die Digitaluhr des Handys: wann ist 0 Uhr? Wann wird es 2, dann 3 Uhr? Wann kommt der erste Dämmerungsstreifen, wann wird das Leben erwachen, Frühstück und endlich eine neue Ration Schmerzmittel kommen ...? In der Schulter blieb ein Pürierstab angeschaltet und es gibt keine Schonhaltung, die das Ganze auch nur irgendwie merklich bessern würde. Nach dem Motto: geteiltes Leid ist halbes Leid tippe ich eine Aufschrei-SMS an Charlie, der mich sogleich nett beruhigt: "Ist doch klasse: wenns schmerzt, dann lebt das Fleisch noch!" Das hilft erst mal, und weitere Moralunterstützung kommt vom Bosdorfer Lurch, der aus seiner Knochenbrecher-Erfahrung heraus versichert, dass dies normal sei, aber schnell bessere und man sich nach zwei Tagen gar nicht mehr an die Schmerzen erinnern kann.
Am Dienstag dann eine erste Physiotherpie-Beratung und das Anpassen eines enorm voluminösen Stützapparats (
http://shop2004.sporlastic.de/htdocs/in ... ie&aid=109). Das Ding bekommt von mir sofort den Spitznamen "Babysitz" und funktioniert gar nicht schlecht. Von Gilchrist über Schulter-Immobiliser ist es eine Verbesserung, soll aber nun 6 Wochen an mir bleiben. Ich ahne schon, dass es im Leipziger Land in Kürze zu deutlichen Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum kommen wird, welche die lokale Wochendauer auf 2-3 Tage verändern ...
In Sachen Schmerz und Medis aber ging das Elend am Di. nur leicht abgemildert weiter. Die Paracetamol/Codein-Kombi (was an "Talvosilen forte" denn "forte" sein sollte, das kapiere ich bis heute nicht) drückt den Schmerz nur zu 70% weg, macht eine Matschbirne und bei mir auch Übelkeit. Codein wirkt durch Verstoffwechslung zu Morphin. Mir kommen alte Lehrviedeos zur Morphingabe bei Hunden in den Sinn: sie bekommen keinen seligmachenden "Morphin-Kick", sondern erbrechen erst einmal gotterbärmlich. Bin ich ein Hund? Hinzu kam nun noch, dass nach der 4. Dosis der intravenösen Antibiotikaprophylaxe (Ampicillin/Sulbactam) nicht nur der Urin ekelhaft schweflig stinkt, sondern der Kopf, der Hals und die Bindehäute zu brennen begannen. Mir ist heiß, die Ärzte meinen, das sei normal und ich soll nur weiter Eisbeutel auf die Schulter legen. Als die Schwester kam, um mir die 5. Dosis anzuhängen, schaut sie mich an, sagt: "mein Gott, was haben Sie für einen roten Kopf!?", und will mir gleich Tavegil infundieren. Ich lehne einen möglichen dritten medikamentösen Störenfried dankend ab und beschliesse, nun von der passiven Rolle in die aktive zu wechseln, damit die drohend bevorstehende Nacht nicht wieder so ein Desaster wird.
Die Rötung interpretiere ich als Aminopenicillin-Exanthem und beschliesse, die Antibiose kurzerhand abzusetzen. Als Schmerzmedikation möchte ich zum Abendessen statt Matschbirne eine Diclofenac retard und ich saufe Wasser wie ein Weltmeister, um die Antibiotika so schnell als möglich aus dem Körper auszuspülen. Was dann passierte, war in der Abenddämmerung ein gefühlter Sonnenaufgang: die Schmerzen schmolzen weg, wie die Butter in der Pfanne. Mit scheidendem Gestank auf dem Topf legten sich gleichzeitig auch Rötung und Hitzegefühl. Die Abendschwester wurde noch kurz halb witzelnd, halb ernsthaft bedroht, dass wenn sie mir die störend am gesunden Arm platzierte Infusionskanüle nicht ziehen würde, ich es selbst täte. Auf ihre Antwort, dass sie das gerne mit einem Arzt besprechen wolle, sagte ich nur, dass sie dies soeben getan hat und zur Tat schreiten dürfe. Nach einer Stunde Spaziergang in kühler Abendluft war so weit alles im Lot, die Bandage wurde für das Bettchen heimlich durch die schlanke Stoffmanschette ersetzt und ich fiel sogleich auch in den rettenden Schlaf.
Heute traf dann Salamanders Prognose zu, ich blieb unter Diclo komplett schmerzfrei, bekam noch eine bestätigende Panorama-Röntgenaufnahme beider Schultern, die den OP-Erfolg eindrücklich belegte, und man gierte zum Glück schon wieder auf ein freies Patientenzimmer. Als ich vom Röntgen wieder auf Station kam, lagen dort schon die Entlassungspapiere bereit und ich konnte mich wenig später abholen lassen. Fazit: OP-Technik dort (Unfallchirurgie am Virchow-Klinikum der Charité): 1A, Pflege an sich auch 1A, nur die Medikamenten-Schemata wären aus meiner Sicht/Erfahrung etwas überdenkenswert.
Vielen, vielen Dank für die von vielen Seiten gekommenen, aufmunternden SMS! Geniesst die schönen Östertage in kurz-kurz - ich fahre in Gedanken schon wieder mit Euch!
Michael