Also musste ich als 67er-Jahrgang ins Seniorenrennen. Ganze 11 Mann stark ging man dabei auf die kurze Runde, deren erste Hälfte in kräftigem Gegenwind stand. Entsprechend war dann die Rückfahrt zu Start/Ziel eine nette Segelpartie. Was die Steigungen anging, waren die beiden einzigen sanften Anstiege jeweils hinter Kurven gelegen: hinter Start/Ziel und bei ca. 2/3 der Gegenwindstrecke.
Die Zusammensetzung war von FdJ-Profitrikots dominiert, deren Träger also ein Team (nur welches?) bildeten. Hinzu kamen noch ein Paar drahtig anmutende Mitstreiter mit Vereinstrikots. Die erste Runde wollten sich alle offenbar erst mal ansehen. Auffällig war aus meiner Sicht vor allem die Schleichfahrt, in der die Mitstreiter ihre Räder durch die Kurven trugen. Bei halbherzigen Zupfversuchen meinerseits sprang zunächst gleich das ganze Feld wieder heran. Also die Rückwindstrecke komplett von vorn gefahren, damit wenigstens die Kurvenein- und Ausfahrten mir gehörten und ich mit leichten Tritten nach den Kurven schon mal dem Rest, der viel langsamer durch die Kurven schlich, pro Kurve etwas schmerzhafte Beschleunigungsarbeit in der Ziehharmonika abfordern konnte.
So ging die 1. Runde ohne Entscheidendes vorbei und ich zog mich zu Beginn der 2. Runde an die 2./3. Position zurück. Erst an der folgenden Kurve ging ich wieder nach vorn, um im Rest der Gegenwindpassage zu versuchen, eine Fluchtgruppe zu organisieren. Also wieder hinter der Kurve ein Paar klarere Tritte und das Feld zerfiel. Kein Kleeblatt dabei, wohl aber ein Kollege aus Grimma. Ich frage ihn, ob wir durchziehen sollten, aber es kam keine akustische Antwort. Nur der Kopf pendelte ein deutliches neinneinnein ...
Am folgenden Mikro-Anstieg aber gab der Verfolger auf und liess sich ins noch nahe Peleton zurückfallen. Ich lag nun – viel zu früh eigentlich – alleine an der Spitze und fuhr so mehr ungewollt als gewollt bereits ab Beginn der 2. Runde alleine an der aufmunternd applaudierenden Gruppe von RRL und Speiche vorbei. Das verpflichtet! Also schoss ich nun alle Bedenken in den hier unangenehmen Gegenwind und regelte Zeitfahrlast ein. Das Feld verlor hinter mir sichtbar an Boden und mir wurde schnell klar, dass von hinten niemand mehr nachkommen wollte. Jetzt also gab es nur zwei Optionen. Entweder, ich reisse das Ding über 66% der Renndistanz alleine von vorn, oder man lässt mich vorn verhungern, um dann in Runde 4 oder 5 den Spiess umzudrehen. Die Rollen waren also klar verteilt und ich war entschlossen genug, die Meinige mit allen Konsequenzen zu spielen.
Der verwinkelte Kurs bot kaum Überblick, und Vorsprünge wurden nicht kommuniziert. Also hiess es bis in die letzte Runde hineinzudreschen, was das Zeug hielt. An den wenigen Ecken des Kurses, die eine Rückschau erlaubten, war bald keine Verfolgung mehr auszumachen, aber wer weiss, vielleicht waren ja einige schon näher dran, als man es sich erhofft …
Deswegen trat ich auch in der letzten Runde noch ich in die Pedale, was die Beine hergaben. Das ganze war dann aber doch eher Ergebniskosmetik, denn die Verfolger waren wohl ca. 3,5 Minuten distanziert, als ich ziemlich ausgepumpt über den Zielstrich rollte.
Dementsprechend gestalteten sich im Nachspiel die Kommentare: „Ich hätte mich kaputtgefahren“ u.s.w. lauteten die Kommentare derer, die ich gerne in einer organisierten Fluchtgruppe dabeigehabt hätte. Also war der Sieg wohl wenig strittig und meine Art, ihn herauszufahren, vielleicht dominant, in jedem Fall aber für mich anstrengender, gleichzeitig aber auch befriedigender, als wenn ich nur in der letzten Runde eine entscheidende Attacke gesetzt hätte. Der Zeitabstand zu meinen Verfolgern war am Ende knapp 4 min, so dass der Streckensprecher das Interview auch gleich vorzog …
Fazit: eine sehr nette, familiäre Atmosphäre; keine Harakiri-Aktionen in den Fahrergruppen und somit ein risikoarmes Rennen, bei dem sich das Ausbelasten gut lohnte. Ein Rosenbäumchen samt Pokal und Flechtbütten zur Pflanz-Deko, ein Skatblatt und ein Probefahrt-Angebot bei einem Oschatzer BMW-Händler war der Lohn der Mühe. Der dritte Platz von Chrissi bei den Damen und die leidige aber dennoch mehr als respektable (!!!) Holzmedaille für Cotopaxi rundeten das Bild ebenso ab, wie die persönlichen Erfolge für Schum und Zoro, die in jeweils guten Gruppen das Ziel erreichten. Das Endergebnis von +1 hätte angesichts der zuvor beobachteten Zieldurchfahrten mit Martins super-Position noch besser erhofft werden können, aber die Hitze forderte vielleicht ihren Tribut …

