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Zwischen Frankenwald und Rennsteig

Verfasst: Mo 6. Jun 2005, 20:09
von peso
Das herrlich verregnete Wochenende zog mich ins fränkische "Bergtrainingslager" mit väterlichem Mountainbike und mütterlicher Vollverpflegung.

Am Freitag wurden zunächst 55km mit 1200hm bei noch ordentlichem Wetter vorsichtig in die Hügel getastet. Am Sonnabend dann eine etwas längere Tour, die mit einigen Änderungen auch mit dem Rennrad zu fahren ist.

Los geht es in Jagdshof auf 569m Höhe bei geschmeichelten 11 Grad.



Nach rasanter Abfahrt biegen wir in Heinersdorf links ab und radeln mit noch widerwilliger Muskulatur in Richtung Schauberg, wo der erste und längste Anstieg sich halb verborgen seines schlechten Zustandes schämt.



Knapp 5km mit durchschnittlich 5,5 % sind zu überwinden. Unsere eifrige Forstindustrie sorgt kurz unter dem Gipfel für eine künstliche Baumgrenze und läßt alpine Stimmung aufkommen. Hier, in Neuenbau, hält noch ein sozialistischer Wehrturm Ausschau nach dem Klassenfeind. Die gesamte Region war bis 1989 Sperrgebiet und nur zu betreten, nachdem die Gesinnungspolizei einen streng moralischen Blick ins Gewissen des Staatsbürgers geworfen hatte.



Sehr umweltbewußt hügelt sich das Asphaltband ins bayerische Tettau, das sich nach einer 18% steilen Abfahrt randzonengefördert sehr schmuck den ersten und einzigen Sonnenstrahlen des Tages präsentiert. Wir biegen rechts ab, ignorieren den nicht benutzungspflichtigen Radweg, beugen erneut das rechte Knie und flattern im Gegenwind mit nervösen Beinen auf eine Betonmauer zu, die als 17%iger Anstieg in die 50-Seelen-Gemeinde Langenau das Vorderrad in Ohrenhöhe hebt.



Nachdem noch zwei kürzere Rampen überwunden sind, strecken wir verkehrsbewußt den rechten Arm und befinden uns 500m später in Kehlbach, das wir aber sofort in Richtung Windheim wieder verlassen. Ein wunderschönes Stück Straße. Allerdings nur in eine Richtung.



Das Grau der Straße scheint im Boden zu versinken, da heißt es, das Alu-Roß bei den Hörnern zu nehmen, den Hintern schwer auf den Sattel zu pressen und seinen Bremsen zärtlich Mut einzuflüstern. Hat man dies überstanden, wirft man für das Poesiealbum noch mal einen Blick über die Schulter und nimmt sich ganz fest vor, da auch mal raufzuhecheln.



Stetig klettert die Höhenmeteranzeige des HAC, als wir uns dem Ölschnitzsee nähern, an dessen Ufern gestern noch Wassernixen lachten und an dem ich heute nur einen schwäbischen Radurlauber treffe. Wir verplaudern eine Banane und ich fahre dann weiter auf den Rennsteig.





Wir folgen dem Rennsteig und fahren über Ebersdorf von LKWs in Serpentinen gebremst nach Ludwigsstadt. Hier freuen wir uns über unser MTB, können wir doch die B85 auf einem Waldweg parallel begleiten und erreichen den Erholungsort Lauenstein. Die Burg sitzt träge auf ihrem Felsen und ich fahre an der Confiserie vorbei zum nächsten Anstieg.



2,65km mit 8,5% im Schnitt wollen erklettert werden. Nach und nach öffne ich von Trikots und Windweste die Reißverschlüsse, schalte gelenkschonende 22x19 und muß mich oben, in Steinbach an der Haide, beeilen, mich wieder winddicht zu verpacken, einen Riegel zu verschlingen und ganz lässig die Dorfjugend zu grüßen.

Es geht erneut nach Ludwigsstadt, ein Stück auf der B85 Richtung Steinbach am Wald und dann beherzt die Gegenfahrbahn kreuzend in den Mörder von Lehesten. Der führt weder direkt nach Lehesten noch sind mir Todesfälle von Möchtegernbergziegen bekannt. Aber ersteres ist einer ungenauen Karte zu verdanken und letzteres meinem laktatverwünschenden und über dem Oberrohr taumelnden Verstand. Das örtliche Straßenbauamt erlaubt sich einen schlechten Scherz und ließ ein 14%-Schild von erklimmbarer Fahrbahn verkünden - mein Hac zeigt in den letzten Kehren 21%.



Ich halte mit fiebrigem Blick am Ortsausgangsschild von Lauenhain, überrede meinen Puls, sich bitteschön nicht so anzustellen und fahre schließlich wieder nach Steinbach am Wald. Es geht erneut den Rennsteig entlang, über Kleintettau zurück nach Tettau und die Tettauer Mauer mit 11% Durchschnitts- und 18% Maximalsteigung nach Neuenbau hinauf. Hier holpere ich den ersten Anstieg des Tages herunter und schlafwandele meinen Hausberg (3,5 km, 7%) nach Jagdshof.

86km, 1707hm.

Re: Zwischen Frankenwald und Rennsteig

Verfasst: Mo 6. Jun 2005, 20:22
von toledo
Wohl dem, der solches Terrain seine Heimat nennt!:D

Re: Zwischen Frankenwald und Rennsteig

Verfasst: Mo 6. Jun 2005, 21:22
von Mario
Das sind doch mal ein paar schöne Bildchen. ;)
Und eine schöne Strecke natürlich.

tschüs Mario

Re: Zwischen Frankenwald und Rennsteig

Verfasst: Mo 6. Jun 2005, 21:44
von Gebirgsrenner
Coole Bilder, coole runde.


Re: Zwischen Frankenwald und Rennsteig

Verfasst: Di 7. Jun 2005, 15:36
von birgitb

Ein klasse Bericht, Peso, Du solltest Bücher schreiben. Hab schön gelacht und Deinen bemerkenswerten Schreibstil bewundert!!!!

Viele Grüsse, Birgit