Als der Wonnemonat überraschend versprach, dem verspäteten Aprilscherz ein zumindest trockenes Ende zu bereiten, beurlaubten wir kurzerhand das Tagwerk, krümmten die Rücken mit unseren Rucksäcken und ließen uns von Frau Schmidt im "Windberg" unterbringen. Da Herr Schmidt sich keine Zimmernummern merken kann, logierten wir stilgerecht in einem der nach den umliegenden Bergen benannten Doppelzimmern der Pension Eleonore in Zella. Doch bevor der Gastgeber uns jeden Morgen die backfrisch dampfenden Brötchen neben die Marmeladenspezialitäten seiner Frau stellen konnte, grübelte ich an der Übermittlung schlechter Nachrichten...
Sonntag
Halbetappe I
Traumwetter. Sonne satt bei 17 Grad. Nur ein Stückchen von Bad Salzungen nach Zella.
Boris summte die gute Laune durch den Kopf, als sich vor ihm die Straße unvermittelt in den Himmel hob und ihm die Steigung den prall gepackten Rucksack unangenehm ins Kreuz drückte. Peso!? Unschuldig verkaufte ich ihm den
Hämbacher Berg als kaum wahrnehmbaren Sandhaufen, der uns vor den Tieffliegern auf der Bundesstraße retten und ein paar Transferkilometer...ähm...abkürzen sollte. Die im gestrigen Bekleidungstetris kunstvoll gewonnene Gepäckdichte auf seinem Rücken zwang den Blick auf den mühsam rollenden Reifen und ersparte mir den ehrlichen Blick in mein schamvolles Lügengesicht. Bergab gaben wir unser Bestes, um nicht von den Rucksäcken überholt zu werden und gerieten nach einem Linksschwenk in
Stadtlengsfeld in den Weg einer 60-Km/h-Windböe. Sag mal, Peso...! Tja, also, es wird schon
recht windig sein, in den nächsten Tagen, aber am Berg wird uns das kaum stören, versuche ich mich aus der heikler werdenden Affäre zu ziehen.
Nach 27 km schweigsam durchlittenen Kilometern mit 450 völlig überraschend aufgetauchten Höhenmetern erreichen wir Zella. Boris' Blick wandert, von seinen Schuhen im Genick befreit, erst zu mir, dann zu den bezaubernden Quellwolken am Rhönhimmel, und schließlich, das Thermometer glücklicherweise ignorierend, zu Jack, dessen Bewegungsdrang den Terrier zur Begrüßung auf die Ziergehölze des Gastgebers springen und munter Tannenzapfen apportieren ließ.
27 km / 450 hm
Strecke bei Google Maps

- Von Bad Salzungen nach Zella
- Sonntag_Anfahrt.gif (8.03KiB)3067 mal betrachtet
Halbetappe II
Vor zwei Jahren hatte bejar versprochen, eine
gemütliche Feierabendtour in die Hügel zu klicken und erstaunte mich schließlich mit Anstiegen, die spätestens nach einem Drittel des Aufstiegs ihre Schafspelze abwarfen und mit giftigem Laktat in die Waden fuhren. Am Sonntag tauschte ich die Rolle des ahnungslosen Opfers mit Boris und scheuchte uns zunächst über den
Knottenhof nach
Günthers, wo wir bereits nach der ersten Abfahrt froh waren, uns im Textilpoker prochinesisch für Ling und Lang entschieden zu haben. Die hessische Rhön gaukelte in frühlingsgrüner Saftigkeit eine betörende Harmlosigkeit in unsere Sinne, die am
Seelesberg allerdings schnell als Bluff aufflog. Ein wunderschön verstecktes Sträßchen, das mehrfach die Anzeige der Garmins in die Nähe der 20% und uns schließlich in das abenteuerliche Radwegenetz der Rhön brachte. Jeder Pfad, der auch nur den Anschein macht, als sei hier mal vor Jahren ein Landwirt spaziert, wird mit bestem Asphalt präpariert und führt wie sonst nur in Tschechien in aller Regel zielsicher auf den nächsten Berg.
In
Brand verspreche ich Boris eine angnehem Steigung zum
Schafstein, halte dieses eine Mal auch Wort und überlege bereits, wie ich ihm die beiden restlichen Hügel des Tages verkaufen soll. Uns bisher noch unbekannt führt eine breite, eher stark befahrene Straße aus dem Ulstertal von
Ehrenberg nach
Birx, überwindet dabei knapp 240 Höhenmeter und bietet neben den herrlichen Ausblicken auf die Kuppen der Rhön auch die gewohnt
zweistelligen Gradienten. Eine freche Schlaufe bringt uns wieder hinab nach
Hilders, läßt uns die gefürchtete Rampe zum Thomas-Morus-Haus passieren und spuckt uns schließlich am Fuße des
Weidbergs aus. Was habe ich hier vor zwei Jahren trotz der Kinderübersetzung von 30x27 gelitten. Heute läuft es beinahe beängstigend gut, zwar auch auf dem Kinderritzel, aber recht flüssig kurbeln wir bergan und staunen nicht schlecht, als die Computer auf dem Gipfel für die bisherigen 66 km fast 1800 hm ganz stolz ins Display blinken.
Als Dreierpack absolvieren wie die kaum unterscheidbaren "Kaltenheime" und rollen schließlich die - wie sollte es auch anders sein - 15% zu unser Pension.
83 km 1850 hm
Strecke bei Google Maps

- Rhön zum Eingewöhnen