Für mich ging es als Gastfahrer des Highworks-Teams in die Region Vysocina (zwischen Prag und Brünn gelegen), was übersetzt Hochland bedeutet, wie mir berichtet wurde. Dies sollte sich im späteren Verlauf noch deutlich bemerkbar machen.
Nachdem ich am Mittwoch früh meine Auslandsstartgenehmigung beim SRB abgeholt hatte, ging es für mich mit dem Zug nach Gera zum Treffpunkt. Um 10:45 setzten wir uns dann mit 6 Fahrern, dem Teamleiter und 1 Betreuerin in Bewegung. Die Anreise verlief unspektakulär und eine Stadtdurchfahrt durch Prag war auch drin. Als wir in Zd'ár schließlich 15.00 Uhr ankommen stehen bereits Niederländer aus Amsterdam vor der Unterkunft und berichten uns, dass ab 18.00 Uhr jemand da ist, der die Unterkunft betreut. So geht es also nach einer Geldwechselaktion zum Einkaufen in "heimischen" Supermärkten, wo wir das Frühstück für den morgigen Tag besorgen.
Danach brechen wir zur Besichtigung der Zeitfahrstrecke auf um gleichzeitig eine Vorbelastung für den ersten Tag zusetzen.
Das fällt auch nicht sehr schwer, denn es geht nur bergauf oder bergab, flach gibt es nicht!
Zum Abendessen geht es in eine tschechische Pizzeria und trotz gewisser Verständigungsprobleme erhalten wir für kleines Geld eine letzte Stärkung.
Donnerstag, der 06.08.2009: Der erste Akt
Das "wunderschöne" Zimmer in einer Jugendherberge bietet geschätzte 12 m² für 3 Personen und Gemeinschaftsduschen und -toiletten. Auf unserer Etage wohnen KED-Bianchi, Stevens-Hamburg, die Niederländer aus Amsterdam, Jenatec und wir. Natürlich stehen auf unseren Zimmer auch noch die Fahrräder samt Ersatzkomponenten ... und so drängeln wir uns zu dritt an unseren Tisch zum gemeinsamen "Kuschelfrühstück" um 8 Uhr. 10.30 Uhr gibt es Mittag und 13. Uhr geht es zur 1. Etappe.
Diese starte in Nove Mesto und führt aus der Stadt auf einen 14,5 km langen Rundkurs. Als taktische Belehrung erhalten wir vom Teamleiter Björn die Anweisung, dass für Sven Baumann und mich gefahren wird und wir beide versuchen sollen bei entscheidenden Gruppen dabei zu sein. Wir sollten selber nicht angreifen, aber durchaus mitfahren, wenn sich eine Chance bietet ... Chancen, Fluchtgruppen ... wenn das nichts ist
Der Start erfolgt und die Straße steigt an ...
Es geht die erste Gruppe, ich bin nicht dabei, aber die Gruppe wird wieder eingeholt.
Zweite Gruppe: diesmal bin ich dabei, aber auch diese wird wieder gestellt.
Dritte Gruppe: ich bin dabei, aber wieder eingeholt.
Vierte Gruppe: Ich bin dabei ... und wer glaubt es, natürlich wieder eingeholt.
5. Gruppe: Angriff über eine Kuppe hinweg in eine Abfahrt ... die Gruppe steht und ich bin dabei
Zu fünft begeben wir uns auf den Rundkurs es geht mit 75 km/h durch eine Ortschaft und die Straßen sind mit Flickenteppichen durchaus zu vergleichen, auch "etwas" Dreck in der Kurve, aber nun gut es rollt. Nach mehreren kurzen Stichen folgt der Anstieg zu Bergwertung. Es geht 3 km bergauf mit netten 190hm garniert. Wenn ich schon mal vorne bin, kann ich auch gleich auf das Bergtrikot fahren, also hämmere ich in den Berg hinein, aber letztendlich werde ich oben "nur" Zweiter hinter einem Fahrer von Dukla Prag. In der zweiten Runde bin ich erster an der Wertung, aber kampflos. Warum begreife ich in der nächste Runde, denn es gibt nur jede zweite Runde Punkte für das Bergtrikot und ich Bekloppter bin in den Berg hinein gefahren wie ein Verrückter, da blieben nur noch 3 Leute in unserer Gruppe übrig. Nach der Abfahrt erwischt es mich mit einem Defekt in einer scharfen Linkskurve rutscht mir das Hinterrad weg, der Grund wird schnell ersichtlich, denn ich habe einen Platten am Hinterrad, also Arm gehoben und Hilfe vom neutralen Materialwagen bekommen. Ich kann jetzt aus eigener Erfahrung berichten, dass eine Campa-Schaltung auch mit einer Shimano-Kassette funktioniert. Unser Vorsprung beträgt dennoch über 2 Minuten. Im Laufe der Zeit füllt sich unsere Gruppe auf 7 Fahrer auf. Dabei sind auch Profis der tschechischen Profimannschaften Windoors und Whirlpool, sodass ich mir fast sicher bin, dass unser 3 Minuten großer Vorsprung reichen wird. Am Berg geht es zunehmend schwerer und so werde ich noch 2-mal Zweiter hinter dem Dukla-Prag-Fahrer KUCHAŘ an der Bergwertung um mich nicht vollkommen abzuschießen. In der letzten Runde auf dem Rundkurs geht BRONIŠ attackieren und sprengt die Gruppe, sodass wir alle einzeln über die Wertung Richtung Ziel fahren. Aber diese langen 15km brechen mir das Genick, denn die Verfolger holen mich ein, doch in den häufigen Gegenanstiegen hängen mich die Fahrer immer wieder ab und so erreiche ich als 22. mit 1:10min Rückstand auf den Tagessieger FRIEDEMANN nach 117 km und 2200hm, davon 90km ganz vorne das Ziel.
Ich bin dennoch zufrieden, denn Sven Baumann kommt mit nur 27s Rückstand als bester Fahrer unseres Teams ins Ziel und ich bin zweiter der Bergwertung. Des Weiteren schaffen es auch alle von unserem Team in der Karenzzeit ins Ziel. Danach fahren wir mit dem Rad locker in unser 15 km entferntes Domizil.
Es gibt Abendessen und es heißt Wiederherstellung, zum Glück ist das Essen reichhaltig.
Danach heißt es liegen und schlafen.
Freitag, der 07.08.2009: Der zweite Akt
Aufstehen und Frühstück um 8.15Uhr steht auf dem Programm, aber es sträubt sich bereits ein gewisses Kribbeln in den Beinen der kommenden Belastung. Doch am Frühstückstisch muss aufgetankt werden, und ein guter Appetit verheißt einen gut funktionierenden Tag, und da bin ich mit 3 Hörnchen aus Weißbrot, 6 Scheiben dunklem Brot plus Jogurt auf einem guten Weg.
Diesmal geht es in Bystřice um 12 Uhr auf einen 31km langen Rundkurs mit 630 hm.
Zunächst folgt eine längere Abfahrt, welche gut rollt, wenn man die paar Spurrillen und Ruckelpassagen vernachlässigt. Zur Talsperre hin geht es über Kleinkopfpflaster und in einer Linkskurve mit einem gefühlten Meter Sand bedeckt schenkt man wieder auf Asphalt ein. Es folgt ein giftiger Anstieg, der 9% auf einem Kilometer bietet. Danach folgt ein Flachstück von fast 3 Kilometer Länge, das hat wirklich seltenheitswert!
Danach folgt der erste Berg für heute mit 5%-Steigung auf 4 km, welcher als besonderes Highlight eine 12% Rampe am Ende besitzt. Danach folgt eine Abfahrt, bei der man wirklich Mut braucht oder anders gesagt: ein normales Gehirn, welches irgendwie der Selbsterhaltung des menschlichen Daseins dient, sollte abgegeben werden, denn Ruckelasphalt, Sand in Kurven, welche mit 50-60km/h angefahren werden, und ein paar andere Radfahrer gibt es ja auch noch.
Ist das geschafft geht es zum zweiten Berg und damit zur Bergwertung auf 3 km sind nur 120 hm zu überwinden. Vorne ist ein Fahrer raus, weshalb ich mir erhoffe, dass ich mit einem Angriff vielleicht noch 2 Punkte für die Bergwertung sichern kann. Allerdings greife ich zu früh an und mein Loch wird vom Dukla-Prag-Zug zugefahren, allerdings bekommt auch ihr Kandidat für die Bergwertung nichts ab. Danach bildet sich eine 8-köpfige Spitzengruppe, die das Rennen bis zur letzten Runde dominiert. Die Zweite Runde fährt das Feld „gemütlich.“ Dafür sprengen Attacken in der 3. und 4. Runde das Peloton, aber Sven und ich bleiben dabei und kommen letztendlich mit der Spitzengruppe 3:06min hinter dem einzigen Überlebenden der Ausreißergruppe František PAĎOUR von Whirlpool ins Ziel.
Nach der Königsetappe müssen wir die erste gesundheitsbedingte Aufgabe in unserem Team hinnehmen. Die Fahrer, die noch dabei sind, freuen sich, dass sie die zwei schlimmsten Etappen geschafft haben.
Am Abend zeigt sich wieder die große Hilfsbereitschaft unter einander, so leiht man sich gegenseitig Werkzeug, Schlauchreifen, Kleber, Schaltzüge usw.
Im weitesten Sinne ist es durch ein großes Zentrallager an Fahrern und Betreuern doch familiär.
Samstag, der 08.08.2009: Doppelveranstalltung
Es geht um 9.00 Uhr los mit der ersten Halbetappe des heutigen Tages und das Aufstehen kurz nach 6 Uhr tut mörderisch weh. Beim Frühstück werden wieder unnormale Mengen gegessen, aber es hilft nichts, denn die Treppe in den 2. Stock komme ich kaum runter, geschweige denn wieder hoch … Hindernisse im Alltag.
Auch der „dobre Čaj“ (guter Tee) kann uns nicht mehr helfen. Während viele den Tee nicht mögen, trinken wir den gesüßten Tee Gläser weise, denn mittlerweile reden wir uns ein, dass Čaj Druck am Berg bringt, zumindest trinken die Whirlpool Leute auch das Zeug. Die Frau von der Essensausgabe hat auch einen gehörigen Anteil an der wahren Čaj-Sucht, denn ihre hohe Sirenenstimme fragt jeden Tisch nach Čaj …
Die Etappe ist mit 97,5km und nur 1500hm die leichteste, es geht nach dem Start in Zd'ár auf einen 11 km langen Rundkurs, welcher nur einen kurzen Hügel von 1,8 km Länge und 5% Steigung aufweißt. Ich versuche an der Bergwertung auf der ersten Runde wieder Punkte abzubekommen, aber ich werde nur 7. Danach geht eine Fluchtgruppe, welche ich allerdings nicht erreiche und so werde ich vom Feld eingeholt. Es geht jetzt aber erst richtig los … Windkante. Gefühlte 150m ist das Feld gestreckt, denn es fahren alle in Einerreihe. Zum Glück reißt es nicht auseinander, denn mir geht es bescheiden. Ich merke, dass gar nichts läuft und so kämpfe ich an den nächsten „Bergen“ mit mir und der Steigung. Ich bin sogar hinter unserem Sprinter Patte … und ich darf noch 4-mal den „Berg“ hoch und jedes Mal folgt die Windkante. In der 5. Runde fahren wir wieder Einerreihe und ein Tscheche fährt bestimmt 15s neben mir und möchte unbedingt hinein, allerdings will ich auch Windschatten, also lasse ich ihn natürlich nicht in die Reihe, daraufhin schlägt der Typ mir erstmal auf die linke Niere . Das entstehende Loch nutzt er und er fährt vor mir. Aber kleine Sünden bestraft Gott (oder wer auch immer) natürlich sofort und genau vor meinem neuem „Freund“ reißt das Feld, er hat keine Chance die Lücke zuschließen und geht raus, daraufhin darf ich ihn auch noch einmal wegschieben und fahre wieder an Feld heran. Danach geht es mir dank Adrenalin endlich besser und ich komme die letzten Runden gut mit. Im Massensprint bin ich zu weit hinten und riskiere nichts und komme im Hauptfeld ins Ziel.
Jetzt heißt es Duschen, Rasieren, Mittagessen und liegen, denn am Nachmittag folgt ein 18km langes Einzelzeitfahren mit 245hm. Leider müssen wir die nächste gesundheitsbedingte Aufgabe in unserem Team hinnehmen und so sind wir nur noch zu viert. Für das Einzelzeitfahren habe ich mir eigentlich nichts besonderes vorgenommen, denn es ist mein erstes überhaupt, aber was mir klar ist: Lostrampeln wie sonst auch, ist bestimmt keine schlechte Option.
Für das Zeitfahren bin ich gut geschult, denn die Strecke sind wir mit dem Auto und dem Rad abgefahren, ich habe Infos von Seniorenfahrern des RV Zwenkau erhalten, welche die Strecke durch die Senioren-EM kennen und ich habe einen Giro-Zeitfahrhelm und einen Aufsatz vom Fahrradladen Die Speiche, der Rennradspezialist in Leipzig-Gohlis
Am Abend wollen meine Teamkollegen ihren Grießkuchen zum großen Teil nicht essen, also komme ich zu 3 Stück davon und auch nach dem eigentlichen Abendessen, bekomme ich von der zusätzlich bestellten Pizza noch einige Stücke ab. Čaj wird natürlich wieder in Massen konsumiert.
Sonntag, der 09.08.2009: Finale
Am 7. Tag sollst du ruhen … ach Quatsch, jetzt geht es richtig los, denn auf 162 km stehen noch einmal 2500 hm an. Aufstehen um kurz nach 6 Uhr und es tut weh, aber ich verspüre ein Kribbeln und eine Lust nach Rad fahren. Es kann also nicht so schlecht werden. Das letzte Mal stopfe ich Unmengen an Brötchen in mich hinein und mittlerweile tausche ich bei meinen Teamkollegen Gels gegen Riegel und Schokohörnchen ein, um die Trikottaschen prall gefüllt zu haben. Es geht wieder um 9.00 Uhr in Žďár los. Dabei fahren wir auf einen Rundkurs von 26km Länge, welcher einen fast 9 km langen Stufenberg enthält. Bei diesen geht es 3 Mal bergauf und 2 mal bergab, aber in den kurzen Abfahrten ist Regenerieren unmöglich. Wieder ist es mein Ziel möglichst an der ersten Bergwertung Punkte abzubekommen, aber gleich in der ersten Runde entsteht eine 25-köpfige Spitzengruppe mit allen Sondertrikots und ich werde abgestellt und bin im Feld. Na prima, nach 15km ist der Tiefschlag perfekt und wie gestern tut mir alles weh.
Wir sprinten ins Ziel und letztendlich sind wir zufrieden. Aber der Tag hatte ja auch denkbar schlecht angefangen, denn unser Begleitfahrzeug war nach 10 km bereits defekt. An der Jugendherberge angekommen, sagen mir meine Teamkollegen, dass die Bergwertung doch bis Platz 3 geehrt wird und ich solle doch mal zur Siegerehrung fahren. Dort angekommen wird der Tagessieger FRIEDEMANN geehrt, welcher damit neben seinen 2 Platz in der Gesamtwertung auch das Sprinttrikot behält. Gesamtsieger würde PAĎOUR, ebenfalls ein Whirlpool-Fahrer. Das Bergtrikot bekommt Seubert von KED-Bianchi und ich werde als 3. ebenfalls auf das Podest gerufen. Damit war die Solofahrt, also nicht umsonst.
Sven wird als Teambester 17. in der Gesamtwertung und ich 19. Auch Robert Streicher kämpft sich die letzte Etappe zu Ende und schafft dabei leider nicht die Karenzzeit, aber dennoch durchgefahren
Aufgrund des defekten Autos verteilen wir unsere Fahrer auf die anderen deutschen Teams. So fahren 2 bei KED-Bianchi und ich bei Jenatec mit. Auch hier zeigt sich die vorbildliche Kameradschaft in der Radsportfamilie, danke!
Um 20.45 Uhr bin ich wieder zu Hause.
Trotz einer Monotonie aus Essen, Radfahren, Essen und Schlafen hat man irgendwie immer etwas zu tun. Die Rundfahrt habe ich überlebt… und neben einer intensiven Belastung für den Körper gab es soviel zu lernen wie noch nie zufuhr. Danke an die Leute, welche diese Chance ermöglicht haben.

